Nach dem absolvierten Elternsprechtag fährt man am Freitag nach Hause und muss an einer Ampel halten. Auf der linken Seite ein großer Baumarkt und plötzlich eine Stimme im Kopf: "Los ab in den Baumarkt und etwas verrücktes Kaufen und die Wohnung schmücken."
Gute Idee, aber da kommt eine andere Stimme in den Kopf: "Wie wärs einfach mit Aufräumen - wäre schon verrückt genug."
Verdammter Pragmatismus, aber recht hat es.
oscar Matzerath - 7. Feb, 13:06
Nach drei Tagen Berlin-Extrem sitzt man wieder am eigenen Schreibtisch und kann die Ruhe der Wohnung noch kaum begreifen. Endlich nur wieder für sich selbst verantwortlich und nicht immer ein Auge auf 39 fremde Gören, die eigentlich nur Party im Kopf haben. Die Fahrt mit dem Reisebus erwies sich wieder Mal als absolute Qual. Die Scheißbusse können immer nur höchstens 100 km/h fahren und in Kombination mit den Pausenzeiten der Busfahrer braucht man für 600 km auf diese Weise schnell achteinhalb Stunden. Hinten im Bus leben die Mädels ihr Proletenpotenzial aus und singen lustige Fußball- und Karnevalslieder. Auch der Spruch aus der Überschrift fiel auf der Fahrt mehrmals aus Schülerinnenmund.
Die Kids alle gut drauf und immer auf dem Drahtseil zwischen Erwachsensein und Kind. In der großen Stadt fanden die meisten sich gut zurecht, aber viele hätten doch lieber an unseren Rockzipfeln gehangen. Ach wie gut, dass solche Schulfahrten immer mit Saufen zu tun haben. So saßen die ersten schon zur Abreise mit glasigen Augen auf ihrem Sitz und füllten kräftig weiter nach. Immerhin, im Bus wurde nicht gekotzt. Und du hast die Aufsichtspflicht für die lieben Kleinen.
Nach vier Stunden Schlaf startete das Programm, bestehend aus Bundestag, Brandenburger Tor, Stasi-Knast, Jüdischem Museum, Kino und Disco. Nur unterbrochen von zu wenigen Stunden Schlaf.
Abends mit den Schülern im Matrix. Prollpublikum und Poser an allen Ecken. Und immer ein Auge auf unsere Mädels. Die Hektik des Tages fällt beim Feiern langsam von einem ab. Punkt drei Uhr, dann der Donnerschlag. Eine Teilnehmerin kannte die eigenen Grenzen nicht und hängt in den Seilen. Herr B. der … geht’s nicht gut. Umschalten von einer Sekunde zur anderen. Jetzt ist man wieder der Lehrer, der Elternersatz und der Retter in der Not – gerade auf Betriebstemperatur. Jacken an und mit ca. 10 Leuten zum Hotel. Du gibst den Ton an, denn den Weg scheinen alle vergessen zu haben. Immer ein Auge auf die zwei Komapatienten. Vereiste Gehwege überall, aber immer ein Auge auf die Kids. Kurz nachdem wir im Hotel sind wird um die Ecke ein Mann von einer Polizisten in Notwehr niedergeschossen, was man am übernächsten Tag aus der Zeitung erfährt. Schon wieder nur vier Stunden Schlaf und nächsten Morgen gute Laune und die Leute zur Stadtführung angetrieben. Man will ihnen ja was zeigen bei Minusgraden und vereisten Gehwegen.
Das Gelände des Palastes der Republik erfährt eine sinnvolle Nachnutzung

Den Nachmittag hatte ich zum Glück für mich und konnte das Patenkind besuchen und ein wenig durchatmen.
Und wenn man nicht aufpasst, dann sind es auch ganz schnell zwei

Abends noch Billard mit den Schülern und dann sagenhafte sieben Stunden Schlaf – Luxus. Heute wieder acht Stunden Busfahrt. Ein Traum.
Und zur Entspannung: Ein Getränk mit Cola, Limettensaft und Alkohol...
oscar Matzerath - 1. Feb, 21:23
So langsam, ein halbes Jahr bevor ich die Zelte hier abbreche, kristallisiert sich hier das Partyprogramm heraus. Erst geht es zum Italiener, wo eine Bomba Atomica gegessen wird und danach zu Helmut und Sabine.
Die Musik und der Geruch nach gerauchten Zigaretten empfängt einen schon auf der Straße direkt vor dem Eingang. Die Tür geht auf und der dunkel getäfelte Raum ist voller Leute, die sich um den Tresen versammelt haben als wäre es ein Futtertrog. Mit lautem Hallo willkommen geheißen, sei es aus Wiedererkennung oder einfach aus kneipierer Höfflichkeit, einen Tisch in der Ecke gesucht. Das Spiel mit den großen Alt im Pilsglas umgedreht und diesmal kleines Alt bestellt. Soll er mal schön laufen der Helmut. Zwischen den Fütterbedürftigen sitzen auch ein oder zwei bekannte Gesichter vom letzten Besuch, wahrscheinlich nicht solche Amateurtrinker wie wir. Am Tresen ein nackter alter Mann im Mantel und Hut mit Dackel an der Leine, dem Helmut den Nachschub versagt. Ohnehin hat Helmut seine Kunden im Griff. Kurz nach unserer Begrüßung gibt es die erste Nase Schnupftabak. Nach drei Minuten ist das Glas leer bzw, bzw. hat Helmut gesehen dass es leer ist. Beim Austausch kann ich mir den Spruch von wegen zu kleiner Gläser nicht verkneifen. Die Musik dröhnt – englische Evergreens auf deutsch. Neben mir an der Bar ein Anhänger der Niers-Borussen mit passendem Pulli. Beim Nachschubbringen wird Helmut vom Dackel des nackten alten Mannes im Mantel mit Hut gebissen. Draußen fällt Schnee und Helmut rennt alle Viertelstunde vor die Tür. Entweder hat er den Hungerwinter 1948 noch miterlebt oder er hat den Abend Streudienst, wobei hier in Rheydt eh nicht gestreut wird. Kurz vor elf wird der Fernseher über dem Schnapsregal eingeschaltet. Florian Silbereisen im Glitzerjacket mimt den Schwiegersohn der Nation, während im realen Leben die Prinzen und Nena ihre Lieder singen. Der Fernseher läuft nicht etwa wegen der Sportschau, sondern wegen der Lottozahlen, denn direkt im Anschluss wird er abgeschaltet und verschwindet hinter einer dunkel getäfelten Holzwand, kann ja sein, dass die GEZ Überstunden macht. Erst jetzt fällt auf, dass in der Kneipentür ein Spion ist, durch den sich das Schneegestöber erahnen lässt. Das könnte man überprüfen, wenn man sich um das tanzende Paar schlängeln würde, das den Eingang blockiert. Irgendwas in dem Laden hat sich seit dem letzen Besuch verändert. Nach reichlichem Überlegen komme ich darauf. Es ist die Karnevalsdekoration. An den Wänden hängen Luftschlangen und zwei drei große Clowns. Einen Monat noch, dann steppt hier der Bär. Wer jetzt noch weiter möchte, der kann in den Nightpark in Mg oder in die Skihalle nach Neuss. Da sag mal einer, der Niederrhein wäre prollig.
oscar Matzerath - 17. Jan, 00:32
Nach mehrwöchiger Abwesenheit komme ich von der Ostfront nach Hause. Die Ausrüstung trage ich im Rucksack bei mir. Der Stahlhelm sitzt auf dem Kopf, obwohl in der Heimat zur Zeit keine Gefahr droht. Die Stadt sieht im Schnee fast friedlich aus. Aber alle Makel kann selbst diese unschuldige Weiß nicht verbergen. Das letzte Stück Weg vom Bahnhof nimmt mich ein Truppentransporter mit, von dem ich an der Ecke abspringe. Nur noch wenige Meter bis zum Haus. Unsere Häuserzeile hat die Zeit meiner Abwesenheit unbeschadet überstanden, aber was ist mit dem Haus gegenüber? Ich blicke in leere, dunkle Fensterhöhlen. Der Schlagbaum steht wie ein Phallus emporgereckt und ist zugleich Mahnmal für das was hier einmal war. Der Getränkemarkt ist nicht mehr da und die tägliche Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist um ein großes Stück schwerer geworden.
oscar Matzerath - 4. Jan, 22:58
Über Monate fällt in Berlin die S-Bahn aus, in Köln stürzt ein Archiv ein, in der Bundesliga werden Spiele verschoben…
Heute kaufte ich im Supermarkt ein Tüte mit Maronen. An der Kasse blickte die Kassiererin auf ihren Merkzettel und noch einmal in die Tüte und wieder auf ihren Zettel. Das seien doch Kastanien, fragte sie. Nicken während sie wieder auf ihre Liste blickt und anschließend eine Kollegin fragt, die ihr antwortet sie müsse einmal unter Maronen nachgucken. Gut, dass das nicht einmal die Kassiererin weiß.
Stunden später auf der Post. Ein Umschlag für den Bruder in Wien wird aufgegeben. Die Postbeamtin notiert das Wort Österreich unter der Anschrift und kommentiert dies mit den Worten: „Das müssen wir draufschreiben, wissen ja nicht alle so gut bescheid wie wir.“ Bitte wie? Bei mir in der Schulzeit nannte sich so ein Wissen „Briefträgererdkunde“
Vielleicht sollte bei uns einmal jemand eine Kulturrevolution starten?!
oscar Matzerath - 18. Dez, 22:14
So etwas kommt hier am Niederrhein, zumindest bei mir, nicht auf, auch wenn die Straßen des nächtens mit einem weißen Deckchen überzogen wurden. Wobei dabei für mich die Problematik des sicheren Radfahrens zur Schule aufkommt und der Fahrradhelm wieder hervorgekramt werden muss, da er den Kopf vor Blitzeis schützen soll.
Zwei Unterrichtsbesuche in drei Tagen lassen einen das alles vergessen und man avanciert zum Stubenhocker, während andere auf Weihnachtsmärkten den Glühwein auskotzen. Im Supermarkt dudeln X-Mas-Songs und bei mir im Kopf dudelt die Frage, mit welcher Methode ich die Kinder überlegen lasse, ob der 3. Oktober das richtige Datum für einen Nationalfeiertag ist. Gut, dass ich mich für einen anderen Inhalt für den Unterrichtsbesuch entschlossen habe, denn in der Vorstunde war die Frage nach dem genauen Termin der Deutschen Einheit resonanzlos in den Weiten des Klassenraumes verhallt. Irgendwann kamen doch einige Vorschläge, die aber eher an eine Terminfindungsdebatte erinnerten, als an konkretes Wissen. Erst der Hinweis auf den Tag Schulfrei, welchen es jährlich im Andenken an dieses Ereignis gibt, brachte etwas Klarheit.
Der Besuch vom Chef war da. Ich bekomme den Hinweis noch tiefer in die Methodentrickkiste zu greifen und könnte kotzen aufgrund so viel kluger Ratschläge.
Im Lehrerzimmer komme ich an meinem Fach vorbei und drinnen liegt ein Aufsatz mit dem Titel: „Die Lehrerperson im erziehenden Unterricht“. Ich glaube es nennt sich Weltverschwörung was hier läuft!
oscar Matzerath - 17. Dez, 09:34
Familienministerin Kristina Köhler in ihrem Abibuch 1997: „Ich bin verfressen, selbstverliebt, unsportlich, streberhaft, skrupellos, arrogant, geltungssüchtig, egoistisch, eitel, karrieregeil, maßlos, spießig, dekadent und irgendwie einfach liebenswert“, veröffentlicht im Stern.
Auch wenn diesen Zeilen eine Menge Ironie innewohnt, lassen andere Details doch tief blicken und die Sympathiewerte deutlich abstürzen. Es ist auch schon schlimm genug, dass man diese Informationen von der Springerpresse serviert bekommt: Als andere Teenager auf Partys gingen, war Kristina Köhler bei Sitzungen der Jungen Union. Andere Mädchen schwärmten für Pop-Stars, sie hatte eine Kohl-Büste im Zimmer stehen. Weil sie nicht wie alle übrigen Jeans und T-Shirt trug, sondern in Rock und Bluse zur Schule kam, nannten sie Mitschüler die „aufgetakelte Möchtegern-Bundeskanzlerin“.
Was tummeln sich da nur für Leute in der Politik – erst Herr Westerwave und nun eine Kohlanbeterin – gab es keine andere Vaterfigur?
oscar Matzerath - 12. Dez, 12:08
Eine Stunde nach Schulschluss erreichte mich der Anruf einer gelangweilten Kollegen, die sich mit mir zum Weihnachtsgeschenkekauf treffen wollte. Nachdem alle betretbaren Geschäfte in Rheydt durchwandert waren, ging es für ein Feierabendbier in die Kneipe, deren Namen ich nicht mehr weiß. Dunkle Holzwände, dunkle Tische in Nischen und an den Wänden eine Tapete aus Teppichtroddeln. An der Decke ein Ventilator, der keine Runden mehr dreht und hinter dem Tresen eine Leimwand und Sabine. Die Bestellung eines Weizenbieres wurde abschlägig beschieden: „Hamma nich.“ Gut dann bitte ein großes Alt. Sabine: „Hamma nich.“ Ist das hier eine Kneipe oder ein Trockendock. Ein kleines Alt oder ein Alt-Schuss (Alt mit einem Schuss Malzbier) könnte ich bekommen, aber große Altgläser gibt es nicht. Ich könnte auch ein Alt in einem großen Pilsglas bekommen. Die offerierte Todsünde nahm ich dankend an, was mir den restlichen Abend den Spott der Wirtsleute einbrachte. Das Pack kennt halt keine Berliner Trinkkultur. Da wird man jahrelang in einer unvergesslichen Berliner Art mit dem Satz erzogen: „Draußen nur große Mollen, sonst muss ich so viel loofen.“ Und dann kommt man an den Niederrhein. Hier habe ich schon Alt aus Weizengläsern serviert bekommen, weil die Mongolen keine passenden Gefäße bereitstellten.
Um die Tränke versammelt sich unterdessen die eingeborene Trinkgesellschaft. Man kennt sich mit Vornamen und säuft wahrscheinlich schon seit dem Kindergarten miteinander. Der eine erzählt von seinem Vaterschaftstest noch zu D-Markzeiten. Andere philosophieren über den letzten Sieg der Borussia bei den Bayern, im Radio laufen Schlager und wir zu dritt mittendrin. Zufälligerweise haben wir uns gute Fußballplätze gesichert und werden von jedem Neuankömmling misstrauisch beäugt. So kann es gehen. Sabine wird von Helmut abgelöst, der ebenfalls über den Alttouristen lästert und uns zur Zurückhaltung ermahnt, sonst würden wir den Beginn des Spiels nicht mehr mitbekommen. Am Tresen spalten sich die Ansässigen in Fußballbegeisterte, die um 19 Uhr das Schnapstrinken einstellen und Gesellschaftssuchende, die vom Begrüßungsbier zum Gedeck übergehen. Hinter der Theke holt Helmut die Borussia Fahne heraus und genehmigt sich eine Prise Schnupftabak. Der Vaterschaftstest konsterniert, dass er nichts dafür könne wenn seine Alte einen Hammer habe. Und Marcel Reif bezeichnet den Spielball als Pestilenz für jeden Torwart. Dirk kommt rein, oben Platte und hinten ein Minizöpfchen. Zur Halbzeit brechen wir auf, da es gilt eine Isomatte im Internet zu ersteigern. Vorher reserviere ich mir einen Platz in der ersten Reihe für das Spiel der Hertha am Sonntag. Als wir gehen schnäuzt sich Helmut zum wiederholten Male in sein Stofftaschentuch.
oscar Matzerath - 4. Dez, 21:56