Futtern wie bei Ururururururgroßmutter
Vielleicht ist es noch ein Relikt aus alten Zeiten. Zeiten in denen man jeden Pfennig dreimal umdrehen musste, in denen die Leberwurst aus Kartoffelschalen gefertigt war und der Strom nur für ein paar Stunden am Tag für Licht in den zerstörten Wohnhöhlen sorgte. Da man in diesen Zeiten jeden Pfennig öfter umdrehen musste, waren Ausgaben für Luxusgüter eher verpönt. Zigaretten und Schnaps zählen seit jeher zu den Grundnahrungsmitteln, aber solche Produkte wie Küchengeräte, Fahrräder oder Bücher. Wozu viel wertvolles Geld für einen Stapel Papier auf den Tisch legen, wenn dieser nach einmaligem Gebrauch nur Platz in der kriegsgezeichneten Bude wegnahm und den Trümmerstaub der Nachbarhäuser anzieht? In dieser Zeit müssen Stadtbibliotheken aufgeblüht sein, wie die Tabakplantagen in den Kleingartenkolonien. Diese Einrichtungen haben sich bis heute am Leben erhalten können und mittlerweile ihr Sortiment auch mit zeitgenössischen Medien, wie DVDs, Computerspiele und Hörbüchern, ausgebaut haben. Da der Verfasser ein großer Freund des Vorlesens ist, aber allzu oft der persönliche Vorleser fehlt, hat er sich einen Büchereiausweis ausstellen lassen und besucht nun alle paar Wochen diese caritative Einrichtung. Nun geschieht es ab und an, dass die Tonträger derartige Kratzer aufweisen, das sie beim besten Willen und mit viel Zureden nicht ihrem Zweck dienen wollen. Bei solchen Gelegenheiten wundert sich der Verärgerte Leihnehmer über die Zustände in anderen Wohnhäusern, wo derartige Kratzer zustande kommen. Stumpf zerkratzte Tonträger können zwar schmierig und fettig sein, aber noch schlimmer sind die dort feilgebotenen Bücher. So ein Buch überdauert gelegentlich Jahrhunderte und trägt die Spuren der vielen Benutzer von Jahr zu Jahr und von Regal zu Regal. Man möchte sich nicht ausmalen, welchen Ursprung die verschiedenfarbigen Flecken haben und hofft, dass es sich dabei nur um Wasser aus dem Wasserhahn handelt. Alternativ könnten diese Flecken Sabber, Rotze oder gar Ejakulat sein. Mich überläuft schon beim Schreiben ein eisiger Schauer und ich rate vor dem Ausleihen von Sexualratgebern, sonst ist die Freundin schwanger und der vermeintliche Vater versorgt ein Leben lang ein Kuckuckskind. Wen wundert es, dass ich ungerne Bücher dort ausleihe. Die Krönung ist mir allerdings heute begegnet. In einem Regal lagen Kochbücher! Kochen mit der Maus, stilvolle Diners, Backen bis der Arzt kommt… Auch ein Buch über die Herstellung Tapas war dabei. Als Freund der mediterranen Küche wagte ich einen Blick und stieß dabei, neben leckeren Rezepten, auf braunerotgrüne Essensreste, die sich erfolgreich an den Seiten festkrallten. Wie widerlich ist das denn? Man stelle sich nur einmal vor, diese Bücher würden Jahrhunderte überdauern und die Rezepte in ein paar Jahrhunderten eigenartig altertümlich anmuten. Kochen wie bei Ururururururgroßmutter. Man schlägt begeistert das Buch auf, mittlerweile ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, in denen es noch Bäumer gab, aus denen man Papier fertigen konnte, und trifft auf jahrhundertealte Speisereste. Was für ein archäologisches Fest! Vor allem wenn wieder einmal Krieg herrschen sollte und sich die Menschen in den qualmenden Trümmern, die nach diversen Nuklearschlägen noch übrig sind, über Bücher freuen, die als Brennmaterial dienen können, dann freuen sie sich vielleicht doch über ein paar gut abgelagerte Lebensmittel.
Mein Rat: Besucht mal wieder die örtliche Stadtbücherei!
Mein Rat: Besucht mal wieder die örtliche Stadtbücherei!
oscar Matzerath - 3. Feb, 20:51